Dienstag, 17. März 2009 17:46
Machen Sie Ihre Produkte cheap und chic
Unsere Ökonomie steht vor einer epochalen Herausforderung… Es gibt eine neue Avantgarde des guten Geschmacks. Und kein Zufall: Ausgerechnet in der Wirtschaftskrise meldet sie sich zu Wort. Ein Markt-Trend, der uns in den nächsten Jahren definitiv begleiten wird, funktioniert so:
- Fokussieren Sie einen Kunden, der sich den Überfluss nicht mehr leisten kann und will
- Machen Sie sich klar, dass es sich schon jetzt um einen globalen Kunden handelt, der in Brasilien ebenso wie in Osnabrück und in Singapur nach einem Low-Budget-Luxus giert
- Bedenken Sie jedoch immer, dass Sie keinen No-Budget-Markt beliefern möchten, sondern ein komplexes Produkt anbieten müssen, das bezahlbar, funktional und mit einer zeitgeistigen Ausstrahlung daherkommt
Einige Beispiele aus unterschiedlichen Branchen, die den Trend belegen:
Amerikas Spitzen-Retailer Target hat sich lange vor der Rezession eine Cheap-Chic-Strategie verordnet und damit den Konkurrenten Kmart hinter sich gelassen. Da der amerikanische Einzelhandelsmarkt hart umkämpft ist und Wal-Mart preislich nicht mehr zu unterbieten ist, setzte Target auf eine radikale Umpositionierung – und hatte nachhaltigen Erfolg damit. Die Stores wirken jünger, cooler und cleaner als Wal-Mart.
Target schwört auf „upscale discounting“, was vor allem 2 Maßnahmen erforderte: Kooperationen mit angesehenen Designern und ein phantasievolles Branding. Im Segment Bekleidung gingen die Preis-Premium-Discounter eine Kooperation mit Mossimo ein. Exklusive Sony-Geräte und Philippe Starcks Reality Line gingen bei Target an den Start, die meisten Produkte werden exklusiv für Target hergestellt.
Im Oktober 2008 besiegelte Target die Zusammenarbeit mit Thakoon, einem Designer, bei dem Michelle Obama, die neue First US-Lady, gerne arbeiten lässt. Der Design-Discounter sucht bewusst die Nähe zu puristischen asiatischen Stilen: Blue Ginger ist eine Food-Linie, die asiatische und westliche Geschmacksrichtungen geschickt kombiniert. Und während Wal- Mart 0,3 % des Umsatzes ins Marketing reinvestiert, gibt Target 2,3 % für Kundenkommunikation aus. Höchst erfolgreiche Kundenbindungsmaßnahmen und Imageprojekte wie die Beteiligung an der Restaurierung des Washington Monuments und an Erziehungsprogrammen sichern den langfristigen Erfolg.
Die Dacia-Demokratie: Wie sich eine Marke mit minimalistischem Chic nach oben robbt
Niemand hat an das rumänische Billigauto geglaubt, doch Dacia hat in den vergangenen 3 Jahren sage und schreibe 1 Mio. Billig-Pkws verkauft. Die Strategie ist simpel: Nutze das vorhandene Vertriebsnetz, das in der Renault-Familie zur Verfügung steht. Gehe mit dem Discount-Produkt Dacia Logan (7.200 Euro) in den Markt. Schiebe anschließend ein weiteres Produkt nach. Dacia hat mit dem MCV junge Familien anvisiert und noch einmal die Preise der Konkurrenz unterlaufen (8.500 Euro). Positioniere ein anspruchsvolles, aber weiterhin günstiges Edelprodukt (Dacia Sandero), womit man zu der Zielgruppe der gut verdienenden Mittelständler vorstößt, in ein Massensegment wie die Golf-Klasse vorstößt und dies wieder zu einem Preis, der unter 10.000 Euro liegt. Zunächst als Ostblock-Auto belächelt, hat Dacia in den vergangenen Jahren insgesamt 3 Mio. Autos verkauft.
Grüner Wohnen: Trotz bzw. aufgrund der Immobilienkrise floriert in den USA das Geschäft mit den ökologischen Häusern
Green Builders Inc. (www.greenbuildersinc.com) aus Austin/Texas bietet grünes Wohnen (zwischen 150 und 300 m2) zum für US-Verhältnisse günstigen Preis von 225.000 US-Dollar an. Im Paket enthalten sind Bambus-Parkettböden, hocheffiziente Heizungssysteme, moderne Fensterisolierungen, Regenwassertonnen und eine garantiert giftfreie Bauweise. Im Jahr 2005 wurden in den USA gerade einmal 10 Mrd. US-Dollar mit LOHAS-Häusern umgesetzt. Im vergangenen Jahr und trotz Immobilienkrise waren es bereits 49 Mrd. US-Dollar – 2013 soll sich dieser Wert noch einmal verdreifacht haben (Zahlenbasis: Mc-Graw-Hill Construction).
Billig und zeitgeistig: Puristische Hotel-Moderne
Vor kurzem hat in der Schweiz in der Gemeinde Sevelen das so genannte „Null-Sterne-Hotel“ geöffnet, was vor allem eine PR-Aktion zweier Künstler war, aber tatsächlich auch von klammen Kunden bewohnt werden kann. Die Räume sind allerdings wenig anziehend, denn es handelt sich um leer stehende Luftschutzbunker (www.null-stern-hotel.ch).
Der neue Budget-Luxus im Hotelsegment ist natürlich etwas vollkommen anderes. Im Zukunftsletter wurden mit den Yotels und dem Grazer Hotel Daniel erfolgreiche Exemplare dieses Genres vorgestellt. In Amsterdam, Antwerpen und Maastricht machen gerade die Qbichotels (www.qbichotels.com) von sich reden und erweitern den Markt. Zimmer gibt es ab 69 Euro, je früher man bucht, umso günstiger werden die Zimmer, es gibt keine Rezeption, aber einen zuverlässigen Zimmerservice, die Buchung erfolgt ausschließlich online, Automaten stellen die Verpflegung sicher. In den nächsten 5 Jahren sollen 15 weitere Hotels in Europa entstehen.
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